„Boy in a White Room“ von Karl Olsberg ist ein Buch, das mich vor allem mit seiner Idee direkt gepackt hat. Schon der Einstieg klingt nach genau der Art Geschichte, bei der man sofort wissen will, was hier eigentlich los ist: Ein Junge wacht ohne Erinnerung in einem weißen Raum auf, kennt weder seinen Namen noch den Grund, warum er dort ist und sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist eine computergenerierte Stimme namens Alice. Das Hörbuch wird von Björn Beermann gelesen und ist als ungekürzte Hörbuch-Fassung erschienen.
Mich hat hier vor allem gereizt, dass die Geschichte Spannung mit Themen verbindet, die ich ohnehin spannend finde: virtuelle Welten, künstliche Intelligenz, Realität, Identität und die Frage, wie viel von dem, was wir für wahr halten, überhaupt wirklich wahr ist. Das ist genau die Art von Stoff, die bei mir sofort Neugier auslöst. Und dieses Hörbuch schafft es sehr schnell, genau dieses Gefühl auszulösen, weil man als Hörerin genauso im Dunkeln tappt wie Manuel selbst.
Inhalt & Stimmung
Manuel wacht in einem vollkommen weißen Raum auf, ohne zu wissen, wer er ist oder wie er dort hingekommen ist. Alles, was er hat, ist der Kontakt zu Alice, einer künstlichen Stimme, die ihm zwar den Zugriff auf das Internet ermöglicht, ihm aber gleichzeitig wichtige Antworten verweigert. Also beginnt Manuel, sich Stück für Stück selbst zu recherchieren. Dabei stößt er auf Informationen über einen Entführungsversuch, lebensgefährliche Verletzungen und eine Wahrheit, die sich mit jeder neuen Erkenntnis immer unsicherer anfühlt. Und genau darin liegt für mich die große Stärke der Geschichte: Man bekommt nie das Gefühl, sich auf irgendetwas wirklich verlassen zu können.
Die Atmosphäre ist dabei von Anfang an extrem dicht. Dieses Eingesperrtsein, diese völlige Orientierungslosigkeit und dazu diese sterile, fast schon unangenehme Umgebung haben bei mir sofort ein starkes Kopfkino ausgelöst. Gerade weil der Raum so leer ist, wirkt alles noch bedrückender. Es gibt kein Entkommen, keine Ablenkung, keine Sicherheit. Stattdessen bleibt ständig dieses Gefühl, dass irgendetwas ganz und gar nicht stimmt. Genau das hat für mich beim Hören richtig gut funktioniert.
Was mir außerdem gefallen hat, ist, dass die Geschichte nicht einfach nur spannend sein will, sondern noch mehr mitbringt. Hinter dem Thriller-Aspekt stecken eben auch Fragen nach Identität, Bewusstsein und Realität. Das macht das Hörbuch für mich interessanter als einen reinen Spannungsroman, weil es nicht nur ums Rätseln geht, sondern auch um Themen, über die man automatisch mitdenkt. Dazu kommt dieser Twist, der der Geschichte am Ende noch einmal eine zusätzliche Wucht gibt. Für mich war das genau die Art Hörbuch, bei der man miträtselt und gleichzeitig merkt, dass da noch eine tiefere Ebene drunterliegt.
Charaktere & Stil
Manuel funktioniert für mich als Hauptfigur vor allem deshalb so gut, weil man von Anfang an an ihm festhängt. Dadurch, dass er selbst nichts weiß, ist man komplett an seiner Perspektive dran. Man erlebt seine Unsicherheit, seine Verwirrung und dieses langsame Zusammensetzen der Puzzleteile direkt mit. Das sorgt dafür, dass die Geschichte sehr nah wirkt, obwohl das Setting zunächst eher kühl und distanziert erscheint. Gerade dieser Kontrast hat mir gut gefallen.
Auch Alice fand ich als Figur beziehungsweise als Präsenz innerhalb der Geschichte spannend. Gerade weil sie keine klassische Figur ist, sondern eine computergenerierte Stimme, entsteht eine ganz eigene Dynamik. Sie ist da, sie gibt Informationen, aber gleichzeitig bleibt immer die Frage, ob man ihr überhaupt trauen kann. Und genau dieses Misstrauen zieht sich für mich sehr stark durch das ganze Hörbuch. Das macht die Geschichte zusätzlich spannend, weil man nie genau weiß, wer oder was hier eigentlich die Kontrolle hat.
Stilistisch lebt das Hörbuch für mich stark von seinem Tempo und von der Art, wie Informationen nach und nach freigegeben werden. Die Geschichte wirft einen direkt hinein und erklärt nicht erst lange alles vor. Genau das mochte ich sehr, weil dadurch dieses Rätselhafte die ganze Zeit erhalten bleibt. Es ist spannend, ohne hektisch zu werden und es schafft es, dieses Unbehagen konstant aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig fand ich gut, dass die philosophischen Fragen zwar klar da sind, aber nicht so trocken wirken, dass sie die Spannung ausbremsen. Stattdessen fügen sie sich für mich stimmig in die Handlung ein.
Auch als Hörbuch hat das für mich gut funktioniert. Björn Beermann liest die Geschichte und trägt diese angespannte, leicht beklemmende Atmosphäre für mein Empfinden sehr passend. Gerade bei so einer Geschichte ist es wichtig, dass die Stimme die Stimmung unterstützt und nicht verwässert. Für mich hat das hier gepasst, weil das Hörbuch genau dieses Gefühl von Unsicherheit und Spannung durchgehend transportieren konnte.
Fazit
„Boy in a White Room“ ist für mich ein spannendes Hörbuch, das mehr bietet als nur einen packenden Plot. Ich mochte besonders diese Mischung aus Thriller, Zukunftsthema und den Fragen, die die Geschichte ganz nebenbei aufwirft. Dazu kommt eine Atmosphäre, die von Anfang an greifbar ist und ein Twist, der der Geschichte am Ende noch einmal ordentlich Nachdruck gibt.
Wer Geschichten mag, die nicht nur spannend, sondern auch ein wenig mindfuckig sind, sollte sich dieses Hörbuch auf jeden Fall genauer anschauen. Für mich hat hier vor allem die Idee dahinter, die Stimmung und das ständige Misstrauen gegenüber der erzählten Wahrheit sehr gut funktioniert.